Unsere Ironman-Hawaii-Finisherin Denise war wieder international unterwegs – diesmal im hohen Norden.
Bei der Challenge Sandefjord in Norwegen stellte sie sich einer anspruchsvollen Mitteldistanz mit Fjord, Höhenmetern und jeder Menge norwegischem Triathlonspirit. Lest hier ihren persönlichen Erfahrungsbericht.
Challenge Sandefjord – auf der Suche nach dem norwegischen Triathlonspirit
Drei Ironman-Weltmeister, eine Ironman-Weltmeisterin – aber kein einziges Ironman-Rennen. Norwegen gehört zur Weltspitze im Triathlon und wirkt gleichzeitig wie ein weißer Fleck auf der Landkarte internationaler Wettkämpfe. Abgesehen vom legendären Norseman gibt es fast nur lokale Rennen über kürzere Distanzen. Eine Ausnahme ist die Challenge Sandefjord – so weit ich weiß die einzige Mitteldistanz des Landes.
Sandefjord liegt rund 80 Kilometer südwestlich von Oslo und lässt sich perfekt mit einem Skandinavienurlaub verbinden – vor allem, wenn man für die Heimreise eine der norwegischen Fähren nutzt. Für mich war der Wettkampf eine Gelegenheit, dem norwegischen Triathlonspirit einmal selbst auf den Grund zu gehen.
Rennvorbereitungen – Norwegischer Spirit: Vertrauen statt Absperrband
Am Vortag stehen Registrierung, Check-in und Wettkampfbesprechung auf dem Programm. Da Schwimmstart und Ziel rund fünf Kilometer auseinanderliegen und zwei Wechselzonen eingerichtet sind, sollte man etwas mehr Zeit einplanen.
Bei der Registrierung gibt es einen liebevoll gestalteten Eventrucksack, Badekappe, Zeitmesschip und das übliche Paket an Startnummern – schließlich muss jedes Körperteil und nahezu jedes Ausrüstungsteil markiert werden. Außerdem werden die drei Wechselbeutel ausgegeben. Sie heißen nicht wie gewohnt „Bike“ und „Run“, sondern „After Swim“, „After Bike“ und „After Run“. Eigentlich sogar deutlich verständlicher.
Zumindest theoretisch.
Im Athlete Guide hat sich nämlich ein Druckfehler eingeschlichen: Der Beutel „After Swim“ soll in der zweiten Wechselzone abgegeben werden – also dort, wo eigentlich der Lauf beginnt. Die Verwirrung ist perfekt und lenkt immerhin von möglicher Wettkampfnervosität ab.
Nachdem alle Beutel gepackt sind, hänge ich meinen „After Bike“-Beutel in der zweiten Wechselzone auf. Dort kann jeder problemlos hineinspazieren. Hunderte Laufschuhe und kiloweise Wettkampfverpflegung hängen offen herum.
Norwegischer Spirit: Vertrauen statt Absperrband.
Offenbar funktioniert das, oder ich habe die Überwachung nicht gesehen. Im Rennen ist jedenfalls alles noch da.
Anschließend fahren wir zum Schwimmstart und zum Rad-Check-in. Der angekündigte Parkplatz existiert allerdings nicht, die wenigen Alternativen sind hoffnungslos überfüllt. Ein Helfer wirkt leicht verzweifelt.
„Ah, die kommen alle auf einmal zum Check-in.“
Moment mal: Wer den Check-in auf zwei Stunden begrenzt, sollte sich nicht wundern, wenn rund 400 Athleten genau in diesem Zeitfenster erscheinen.
Überhaupt wirkt vieles angenehm unkompliziert. Offiziell dürfen zwar nur Teilnehmer in die Wechselzone, am hinteren Ende kann aber jeder problemlos hinein- und hinauslaufen.
Norwegisches Urvertrauen? Um das Rad mache ich mir jedenfalls etwas Gedanken.
Zur Wettkampfbesprechung geht es zurück in die Stadt. Sie findet in einem Kino statt – eine großartige Idee. Nach dem Eincheck-Stress sind die weichen Sessel und die angenehm kühle Luft genau das Richtige. Außerdem kann jeder die Präsentation hervorragend sehen und hören.
Begrüßt werden wir von Anette Brurås, der Präsidentin des norwegischen Triathlonverbandes. Sie betont, wie wichtig die Challenge Sandefjord für den Triathlonsport im Land ist, und hofft auf weitere internationale Veranstaltungen.
Anschließend übernimmt Renndirektor Olav Kyrre Fjeld. Und was folgt, ist die unterhaltsamste Wettkampfbesprechung, die ich je erlebt habe. Mit viel Humor bringt er alle wichtigen Informationen rüber – auch wenn dabei die Folien gelegentlich in der falschen Reihenfolge erscheinen. Die Erklärung des Windschattenabstands bleibt besonders in Erinnerung.
„20 Meter?“
Olav schreitet einmal quer über die riesige Kinobühne.
„Das sind 20 Meter!“
Rennmorgen – Norwegischer Spirit: 14 Grad sind Sommer
Am Rennmorgen zeigt das Autothermometer 14 Grad. Temperaturen, von denen man in Mitteleuropa derzeit nur träumen kann. Schließlich werden am gleichen Tag der Ironman Nizza abgesagt und Frankfurt verkürzt.
In Skandinavien fühlen sich 14 Grad im Sommer jedoch anders an als daheim. In kurzer Hose zum Start zu gehen, ist überhaupt nicht kalt.
Mein Rad steht noch an seinem Platz. Das norwegische Urvertrauen hat also funktioniert. Schnell noch die Verpflegung befestigen, die letzten Handgriffe erledigen und hinein in den Neoprenanzug. Bei 20 Grad Wassertemperatur ist er erlaubt – auch für die olympische Distanz, die zwanzig Minuten nach uns startet.
Auf dem Weg zum Schwimmstart komme ich mit einer Norwegerin ins Gespräch. Es ist ihr erster Triathlon. Eigentlich wollte sie direkt auf der Langdistanz starten, aber das ließ sich zeitlich nicht einrichten.
Ich muss schmunzeln.
Norwegischer Spirit: Der erste Triathlon? Eigentlich sollte es die Langdistanz werden?
Schwimmen – Der norwegische Spirit nimmt Muscheln gelassen
Nach einem kurzen Einschwimmen erfolgt der Rolling Start. Ich stelle mich in die 30- bis 35-Minuten-Gruppe. Beim Sprung ins Wasser sind meine beiden direkten Mitstarter sofort verschwunden. Perfekt – endlich habe ich mich einmal nicht zu weit hinten eingeordnet.
Schon nach kurzer Zeit finde ich einen guten Wasserschatten und kann das Tempo der ersten Runde problemlos mitgehen. Das Wasser ist recht düster und die Bojen zur Orientierung etwas klein – aber die erste Runde vergeht wie im Flug.
Beim Landgang winke ich meinem Mann kurz zu. Im nächsten Moment schreie ich auf.
Mit dem linken Fuß muss ich voll in ein Muschelfeld getreten sein, zum Glück im Fußgewölbe – sodass ich es beim Laufen nicht merke.
Auch die zweite Runde vergeht erstaunlich schnell. Diesmal hänge ich mich an einen anderen Wasserschatten und wir mischen uns zwischen die Teilnehmer der olympischen Distanz.
Zurück in der Wechselzone folgt die Bestandsaufnahme.
Mehrere tiefe Schnitte ziehen sich über die Fußsohle. Das muss ordentlich geblutet haben. Das Salzwasser hat die Wunden offenbar in der zweiten Schwimmrunde beruhigt.
Zum Glück hatte ich heute ohnehin geplant, mit Socken Rad zu fahren. Mal mache ich das, mal nicht. Heute entpuppt sich diese Entscheidung als Glücksgriff. Für zukünftige Rennen ist klar: Ein Paar Socken kommt immer mit.
Radfahren – Norwegischer Spirit: kleine und große Hügel
Die Radstrecke umfasst zwei Runden inklusive Anfahrt – insgesamt 85 Kilometer mit rund 1.100 Höhenmetern. Flach wird das heute garantiert nicht.
Schon auf den ersten fünf Kilometern Richtung Sandefjord beginnt das ständige Auf und Ab.
In der Wettkampfbesprechung hatte Olav noch angekündigt:
„We have some speed bumps.“
„Some“ ist allerdings eine ausgesprochen norwegische Untertreibung.
Allein auf diesem kurzen Abschnitt zähle ich rund zwanzig Bodenschwellen. Einige davon sind erstaunlich hoch.
Die Fahrt durch das Stadtzentrum wirkt am Sonntagmorgen fast gespenstisch. Tags zuvor herrschte noch Festivalstimmung mit Musik und geöffneten Geschäften. Jetzt sind die Straßen wie leergefegt. Keine Zuschauer, keine Einheimischen – nur wir Athleten. Ich liebe diese Momente!
Auch in den Vororten scheint vor nahezu jeder Einfahrt ein Speed Bump zu liegen. Wenigstens sind diese etwas flacher. Dadurch entwickelt sich die Strecke zu einer ständigen Berg- und Talfahrt.
Ich fahre bewusst kontrolliert. Das Rennen ist schließlich noch lang.
Das Problem: Gefühlt halten mich sämtliche anderen Teilnehmer für ein rollendes Verkehrshindernis. Unglaublich, welche Massen mich überholen. Beruhigend: Ein Drittel davon sind Starter auf der olympischen Distanz.
Bald lassen wir die Ortschaften hinter uns. Jetzt zeigt Norwegen seine ganze Stärke.
Die Straße schlängelt sich durch weite Täler, vorbei an schroffen Felswänden und romantischen Flusstälern. Der Asphalt ist überwiegend hervorragend. Gefahrenstellen und Unebenheiten sind sorgfältig markiert.
An einer besonders auffälligen Markierung bremse ich vorsichtshalber. Während ich noch denke: „So schlimm war der Speed Bump doch gar nicht“, rolle ich direkt in einen Teppich aus Trinkflaschen, Gels und anderem Material, das Radfahrer unterwegs verloren haben. Bremsen war also doch die richtige Entscheidung. In der zweiten Runde steht dort sogar ein Polizist und sammelt den Müll von der Straße.
Bei inzwischen 22 bis 24 Grad wird es in der skandinavischen Sonne erstaunlich heiß. Wolken gibt es längst keine mehr. Die beiden Verpflegungsstationen pro Runde kommen genau zur richtigen Zeit. Nur Dixi-Toiletten sucht man auf der Radstrecke vergeblich – hier muss die Natur aushelfen.
Radfahren – Der norwegische Spirit fordert seine Opfer
Für mich läuft es hervorragend. Ich fühle mich stark und kann in der zweiten Runde sogar noch etwas zulegen. Bergab werde ich mutiger und lasse das Rad laufen.
Dann kommt eine scharfe Linkskurve. Ich bremse rechtzeitig. Doch die Kurve fällt leicht bergab, und ich erwische eine ungünstige Linie.
Plötzlich hebt das Rad ab.
Bumm.
Ich liege auf dem Asphalt.
Für einen kurzen Moment ist alles still. Benommen richte ich mich auf und überprüfe als Erstes schmerzende Knie und Ellenbogen. Beide sind aufgeschürft. Dann folgen Helm, Rad und schließlich der Rest meines Körpers.
Der Streckenposten reagiert zunächst gar nicht. Erst nach einer Weile kommt er zu mir, hebt das Rad auf und sagt ganz sachlich:
„Du bist heute schon die Vierte, die hier gestürzt ist.“
Wie es mir geht, fragt er nicht.
An vielen anderen Stellen warnen die Helfer rechtzeitig vor gefährlichen Passagen. Hier scheint der Sturz dagegen fast dazuzugehören.
Zum Glück funktioniert das Wichtigste noch: Rad, Helm und Knochen sind heil geblieben und ich kann weiterfahren. Nur der lädierte Ellenbogen macht sich bemerkbar. Die Aeroposition ist nicht mehr möglich.
Wie viel Zeit mich der Sturz gekostet hat, weiß ich nicht. Ausgerechnet an diesem Tag beschließt mein Radcomputer, keine Daten speichern zu wollen. Meine Triathlonuhr hat sich auch vor dem Urlaub aus dem Leben verabschiedet, und ich konnte so schnell keinen Ersatz finden.
Laufen – Norwegischer Spirit: Wer laufen will, muss klettern
Vier Runden sind zu absolvieren.
Beim Blick auf den Streckenplan hatte ich vor allem die vielen Kurven und Kehrtwenden gesehen. An nennenswerte Höhenmeter habe ich keinen Gedanken verschwendet.
Ein Fehler.
Nach etwa der Hälfte jeder Runde steht plötzlich eine steile Rampe vor mir.
Natürlich.
Ein Norweger würde zum Abschluss kaum eine flache Laufstrecke bauen.
Oben wartet allerdings die Belohnung in Form eines Stimmungsnestes mit lauten Anfeuerungen und fetziger Musik.
Danach führt die Strecke durch einen kleinen Park mit schattigen Wegen und einem idyllischen Teich. Apropos Schatten: Heute merke ich schnell, dass mir die Sonne deutlich mehr zu schaffen macht als die Anstiege. Im Schatten oder mit etwas Wind fühle ich mich sofort besser und will sofort schneller laufen. Sobald die Strecke wieder in der prallen Sonne liegt, werden die Schritte schwer.
Aus dem ständigen Auf und Ab der Strecke wird langsam auch ein Auf und Ab der Gefühle. Aber: Ich laufe jede Rampe hinauf – langsam, aber ohne zu gehen.
Am Ende kann ich den Zieleinlauf auf dem leuchtend roten Teppich genießen und überquere die Ziellinie mit meinem typischen Freudensprung. Ich bekomme die Finishermedaille und das passende T-Shirt überreicht.
Im Versorgungszelt darf jeder Platz nehmen. Das gefällt mir. So kann ich mich ganz entspannt mit meinem Mann zusammensetzen. Es gibt Gulasch. Nicht unbedingt meine erste Wahl nach einem Wettkampf. Trotzdem zwinge ich mich, etwas zu essen – und erstaunlicherweise schmeckt es sogar ganz gut.
Die Wechselbeutel sucht sich anschließend jeder selbst auf der Wiese zusammen. Immerhin wird die Radausgabe anhand der Startnummer kontrolliert und bleibt für Zuschauer gesperrt.
Ich brauche erst einmal etwas Zeit, um mich zu sammeln. Mit so vielen Blessuren bin ich noch nie ins Ziel gekommen. Der aufgeschnittene Fuß, der Sturz auf dem Rad und ein Halbmarathon, der sich deutlich mühsamer angefühlt hat als erhofft – das alles hinterlässt Spuren.
Vor allem habe ich das Gefühl, heute ständig überholt worden zu sein. Eigentlich bin ich überzeugt, irgendwo im hinteren Feld gelandet zu sein.
Neugierig werfe ich schließlich einen Blick auf die Ergebnisliste. Eine kleine Hoffnung bleibt: Vielleicht hat es wenigstens noch für eine Zeit unter sechs Stunden gereicht.
Nicht ganz. 88 Sekunden fehlen.
Doch das ist plötzlich egal. Denn mein Blick wandert auf eine andere Zahl.
Und noch einmal.
Moment …
Ich lese noch einmal.
In meiner Altersklasse soll ich tatsächlich nicht nur die schnellste Schwimmzeit, sondern auch die schnellste Laufzeit erzielt haben?
Und damit Zweite geworden sein?
Mit einem Schlag ist alles Furchtbare der letzten Stunden nur noch halb so schlimm – und alles Gute plötzlich doppelt so schön.
In meiner Altersklasse stehen sieben Frauen in der Ergebnisliste. Das klingt zunächst nicht nach besonders großer Konkurrenz. Man kann es aber auch anders sehen: Offenbar trauen sich gar nicht so viele an diese anspruchsvolle Strecke.
Natürlich bleiben wir bis zur Siegerehrung. Für die ersten drei gibt es Pokale, die ersten sechs jeder Altersklasse qualifizieren sich außerdem für The Championship in Šamorín. In den Altersklassen vor mir erscheinen alle Qualifizierten zur Ehrung. Ausgerechnet in meiner Altersklasse fehlt die Konkurrenz. So stehe ich schließlich allein auf dem Podium. Hat auch einen Vorteil: Es bleibt genug Zeit, neben meinem Namen auch den TSV Cottbus zu erwähnen.
Fazit – Den norwegischen Triathlonspirit gefunden?
Hat sich die Reise nach Sandefjord gelohnt? Ganz eindeutig.
Die Challenge Sandefjord ist ein wunderschönes, anspruchsvolles Rennen mit einem Fjord zum Schwimmen, einer abwechslungsreichen Radstrecke durch traumhafte Landschaft und einem Laufkurs, der einem bis zum Schluss alles abverlangt. Die Organisation wirkt an manchen Stellen angenehm unkompliziert – manchmal vielleicht sogar etwas zu unkompliziert. Gerade das macht aber einen Teil ihres Charmes aus.
Und der norwegische Triathlonspirit?
Den wollte ich in Sandefjord finden. Ob ich ihn gefunden habe, muss jeder selbst entscheiden.
Ich weiß nur eines: Ich habe mich heute in einem großen Feld norwegischer Konkurrenz behauptet. Und das können derzeit nur wenige Triathleten von sich sagen.
Liebe Denise, hab lieben Dank für diesen wunderschönen Bericht


































